Wenn der Name im Kalender schon reicht

Menschen, die mit Menschen arbeiten, kennen ein Phänomen wahrscheinlich ziemlich gut: diesen Blick in den eigenen Terminkalender, in die eigenen Buchungen vom Tag oder von der Woche. Und dann taucht da in dieser Liste ein Name von einem Klienten oder einer Klientin auf. Und irgendwie zieht sich in einem alles zusammen.

Da ist dann so ein Gefühl von:
Oh Gott, wäre das schön, wenn das schon vorbei wäre.

Ich mag dazu heute ein bisschen was erzählen. Zum einen kenne ich dieses Phänomen selber wirklich gut. Und ich habe mich dazu auch für mich selbst ein wenig auf die Forschungsreise gemacht. Zum anderen begegnet es mir immer wieder in meinen Supervisionen.

Und ich finde: Es ist ein vielschichtiges Thema. Gleichzeitig sollte man es ernst nehmen und nicht einfach nur wegschieben nach dem Motto:
Ja mein Gott, passiert halt mal. Nicht alle Klienten machen gleich viel Spaß. Ist halt so.

Denn was ich persönlich darüber entdecken durfte, war, wie viel das im Endeffekt wirklich auch mit mir selber zu tun hat.

Was lehne ich da eigentlich ab?

Was ist denn das, was ich da in dem Klienten oder in der Klientin wie ablehne?
Was ist denn das, was mich da vielleicht auch auf die Palme bringt?
Was macht mich wütend, unzufrieden oder hinterlässt mich im Unfrieden?

Es gibt da so einen wunderbaren Spruch, den ich sehr mag:
Das, was wir im Anderen sehen und was uns darin triggert, ist oft etwas, was wir auch in uns selbst überhaupt nicht mögen.

Ein bisschen ist das, was wir da im Anderen bekämpfen, also nur das, was sichtbar macht, was wir in uns selber bekämpfen.

Deswegen finde ich so eine kleine Forschungsreise an dieser Stelle immer ganz spannend. Einfach mal zu merken:

Ah, okay. Wenn er oder sie wieder mit genau diesem Thema kommt, dann werde ich wütend.
Oder da zieht sich in mir alles zusammen.
Oder da geht sofort etwas auf Spannung.

Der erste Schritt: es sich erlauben

Ein erster Schritt, den ich in solchen Momenten wirklich kostbar finde, ist, sich überhaupt erst einmal zu erlauben:

Das macht gerade etwas mit mir.

Das ist wirklich eine Erlaubnis.

Ich habe vielleicht noch gar keine Ahnung, was genau es ist. Ich merke nur:
Ich werde wütend.
Ich bekomme Fluchtimpulse.
Oder irgendetwas in mir zieht sich zusammen.

Aber im ersten Schritt geht es erst einmal nur darum zu merken:
Er oder sie sagt gerade etwas.
Er oder sie macht gerade etwas.
Oder vielleicht steht auch einfach nur der Name im Kalender.
Und es passiert etwas in mir.

Wenn wir nur noch den anderen bewerten

Wozu wir in solchen Momenten nämlich so leicht neigen, ist eine sogenannte stolzbasierte Gegenidentifizierung.

Das bedeutet: Alles wird auf den anderen gestülpt.

Dann wird innerlich schnell so etwas daraus wie:
Der ist aber auch schwierig.
Oh Gott, die weiß ja wirklich nicht, was sie will.
Und so weiter.

Also: ganz viel Bewertung, ganz viel Wertung dem anderen gegenüber.

Und was wir Menschen, die mit Menschen arbeiten, an dieser Stelle leicht verpassen, ist die Frage:

Was hat das gerade mit mir zu tun?
Was ist denn das, was ich da drüben so stolzbasiert ablehne?
Was ist das, was mich da so triggert?

Was darunter oft sichtbar wird

Das Faszinierende ist: Wenn man sich auf diese kleine Forschungsreise macht, entdeckt man häufig etwas Eigenes darunter. Etwas, was man die eigene schambasierte Identifizierung nennen könnte.

Also etwas, was wir an uns selber so überhaupt nicht mögen.
Etwas, was wir an uns am liebsten weg hätten.

Und dann bekommen wir genau das in einem Klientengespräch immer und immer wieder wie präsentiert.

Der Moment vor dem Gespräch ist oft der beste

Deswegen: Wenn du das nächste Mal in deinen Kalender schaust und beim Lesen eines Namens allein schon etwas in dir passiert, dann nutze genau diesen Moment.

Der ist eigentlich am praktischsten.

Denn wenn wir schon mitten in der Interaktion sind, dann sollte man solche Forschungsfragen eher ein bisschen hinten anstellen. Aber vorher kann dieser kurze Moment unglaublich aufschlussreich sein.

Wenn ich diesen Namen lese und es passiert etwas in mir –
was hat das mit mir zu tun?

Und damit ist nicht gemeint:
Das hat nur mit dir zu tun, das hat nichts mit dem Klienten zu tun.

Ich liebe an der Stelle die Frage:

Zu wem gehört es gerade mehr?

Vielleicht ist es 51 zu 49.
Wer weiß.

Eine kleine Forschungsreise statt Selbstbeschämung

Lass dich doch mal überraschen, was du entdeckst, wenn du an dieser Stelle ein wenig genauer hinguckst.

Nicht, um dich dann gleich wieder selbst zu beschämen.
Nicht im Sinne von:
Ich müsste doch weiter sein.
Ich dürfte das doch nicht mehr haben.
Was ist denn nur los mit mir?

Sondern wirklich, um diesen kurzen Moment für eine kleine persönliche Forschungsreise zu nutzen.

Und wenn du das schon kennst, wenn du das auch schon mal gemacht hast und dabei – genau wie ich – kostbare Dinge entdeckt hast, dann schreib es gerne in die Kommentare. Dann können wir darüber ein wenig in den Austausch gehen.

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