Aktuell leben wir wirklich durchweg, kann man sagen, in turbulenten Zeiten.
Und das war auch einer der Gründe, warum ich mal wieder eine Weile still war, obwohl ich mich doch sehr bemüht habe, wieder in den wöchentlichen Rhythmus reinzukommen.
Denn egal, aus welcher Perspektive man momentan auf die Welt da draußen schaut – ob nun den Übergang von der Holzschlange zum Feuerpferd nach dem chinesischen Horoskop, die gerade stattgefundene Neptun-Saturn-Konjunktion in der kosmischen Spalte nach der Lehre der Astrologie oder einfach einen Blick in die Nachrichten – gerade wirbelt es uns alle. Und zwar egal, wo man hinschaut.
Wo wir das alles erleben: im Körper
Und wo erleben wir dieses ganze Rumgewirbeltwerden?
Richtig: in unseren physischen Körpern.
Bei einigen liegen im Moment die Nerven wirklich ganz schön blank. Viele erleben eine ausgeprägte innere Unruhe, viele erleben Stress, viele haben im Moment wirklich Probleme mit dem Schlaf oder sind schlicht und ergreifend gereizt. Ich merke es an mir selber und ich merke es auch bei den Klient:innen, die ich aktuell begleite.
Menschen, die mit Menschen arbeiten, spüren es doppelt
Gerade wir Menschen, die mit Menschen arbeiten, spüren solche Phänomene oft doppelt.
Zum einen in uns selbst und zum anderen bei den Menschen, die wir begleiten. Und hier ist es egal, ob wir kleine oder große Menschen begleiten, ob wir das alleine tun oder in einem Team oder in einem Netzwerk.
Denn wir selbst sind ja dann auch in solchen Phasen mit uns beschäftigt, mit unseren eigenen Nervensystemen. Und auch unsere eigenen Nervensysteme müssen all das, was um uns herum passiert, ja irgendwie verstoffwechseln.
Wenn uns im Kontakt kurz die Luft wegbleibt
Und dann kommt in solchen Momenten irgendwie ein Klient oder eine Klientin wie ein buchstäblicher ICE in die Praxis geschossen – oder wo auch immer hin, oder wo auch immer du eben arbeitest – und uns bleibt mal ganz kurz die Luft weg.
Denn immer da, wo Nervensysteme aufeinandertreffen, wo es um eines der zentralsten menschlichen Themen geht, nämlich Kontakt, wird etwas sichtbar, was leider noch in kaum einer Schule, Universität oder Weiterbildung gelehrt wird.
Eine zentrale, kaum gelehrte Frage
Nämlich der Umgang mit der Frage:
Wie kann ich mit dem aufgewühlten Nervensystem meines Gegenübers gut umgehen, ohne selbst in diesen Strudel mit hineingezogen zu werden, ohne mich selbst darin zu verlieren und ohne dabei auszubrennen?
Einen kleinen ersten Schritt in diese doch sehr große Frage werde ich in diesem Podcast setzen. Und auch in Zukunft werde ich auf diese zentrale Frage mehr und mehr meinen Schwerpunkt legen.
„Keine Lust mehr“ – Beobachtungen aus Supervisionen
Denn ich erlebe in meinen Supervisionen immer öfter, dass wirklich gute Coaches, Therapeut:innen oder Menschen, die in welcher Form auch immer mit Menschen arbeiten, keine Lust mehr haben. So richtig keine Lust mehr.
Viele, die ich in der letzten Zeit gehört habe – ob nun im Freundeskreis, im Kollegenkreis oder eben in Supervisionen – überlegen ernsthaft, die Brocken hinzuschmeißen. Weil es sich so einfach nicht mehr stimmig anfühlt. Weil es keinen Spaß mehr macht.
Denn viele haben das Gefühl, da etwas auszubaden, was sie im Kern nicht verursacht haben.
Wenn die Tools fehlen – nicht aus Mangel an Kompetenz
Und wozu auch teilweise im Moment schlicht die Tools fehlen.
Nicht, weil man dumm ist. Nicht, weil man noch unzählige Weiterbildungen machen müsste oder unerfahren wäre. Sondern teilweise ganz im Gegenteil.
Das kann es ja nicht sein.
Wenn du dieses Gefühl kennst, dir vielleicht selber gerade ein kleiner Seufzer entwichen ist, dann solltest Du jetzt auf jeden Fall weiterlesen.
Ein Beispiel aus der Supervision: das Matchbox-Auto
Ich werde heute im Podcast auf ein Beispiel zurückgreifen, das ich gerade sehr aktuell in einer Supervision erlebt habe und das mich persönlich sehr berührt hat.
Ich hatte eine wirklich gute, mit Herzblut bei der Sache seiende Logopädin in der Supervision. Und die hatte wirklich die Schnauze voll. Sie hatte so keine Lust mehr.
Denn an diesem Tag hatte sie von einem der Kinder einfach so ein Matchbox-Auto an den Kopf geschmissen bekommen, weil der Kleine die Übung blöd fand.
Die einzige Reaktion der im Raum anwesenden Mutter war:
„Du, also das macht die Mama jetzt echt traurig.“
„Ich will so nicht mehr“
Die Logopädin wusste wirklich einfach nicht mehr, was sie in dem Moment machen sollte. Sie liebt ihren Job. Aber für sie war in dem Moment klar: Sie will so nicht. Sie will so nicht mehr behandelt werden. Und sich dann auch noch solche Sätze von einer Mutter anhören müssen.
Und schon als wir beide in der Supervision darüber gesprochen haben, war klar: Wir haben es hier mit einem deutlich größeren Problem zu tun, das weit über diesen Praxisraum und dieses eine Matchbox-Auto hinausgeht.
Die Komplexität im Raum
Ja, ich weiß. Und du, der oder die mit Menschen arbeitet, weißt das auch. Davon gehe ich jetzt einfach mal aus.
Und gleichzeitig kann man in genau solchen Momenten so viel tun – so viel mehr, als vielen bewusst ist. Und eben nicht vor dieser Komplexität einknicken und sagen: Das ist nicht zu lösen.
Ein kleiner, alltagstauglicher Nervensystem-Trick
Ich möchte dir für solche Fälle heute einen kleinen, feinen und sehr alltagstauglichen Nervensystem-Trick mit auf den Weg geben.
Vielleicht wirst du im ersten Moment ein bisschen den Kopf schütteln, so im Sinne von:
„Ja, aber das kenne ich doch schon.“
Und ich lade dich ein, einfach ein bisschen zu lauschen.
Denn ja – den Trick kennst du mit Sicherheit.
Aber wenn man die Perspektive ändert und nochmal ein bisschen anders darauf schaut, kann man etwas ganz Besonderes entdecken.
Was gleichzeitig passiert, wenn etwas „fliegt“
Kriegen wir – sinnbildlich oder wie bei meiner Klientin wortwörtlich – so ein Matchbox-Auto an den Kopf geworfen, passiert im Raum unfassbar viel gleichzeitig.
Da ist die Mutter und ihr Kind.
Das Kind und die Logopädin.
Die Logopädin und die Mutter.
Und alleine diese drei Paarbildungen fächern sich in unzählige Unterdynamiken auf.
Wie peinlich ist es der Mutter?
Wie überfordert ist sie vielleicht?
Wie oft ist so etwas an diesem Tag schon passiert?
Diese Liste lässt sich endlos fortführen.
Bei sich bleiben – eine Kunst
All diese Schichten und Dynamiken bündeln sich in dem Moment, in dem das Matchbox-Auto auf der Tischplatte aufschlägt.
In diesem Moment gut bei sich zu bleiben, ist wahrlich eine Kunst und grenzt nicht selten an Meisterschaft.
Ich schiebe hier kurz die gute Nachricht ein:
Du musst nicht kurz vor der Erleuchtung stehen, um solche Momente gut zu meistern.
Es reicht, das eigene Nervensystem auf seiner Seite zu haben.
Wenn man weiß, wie man das eigene Nervensystem kurz überlistet, gewinnt man Zeit.
Und in all dieser Komplexität ist Zeit der Dreh- und Angelpunkt.
Wie gewinnt man Zeit?
Durch Atmen. Durch bewusstes Atmen.
Und das darf in solchen Momenten auch ruhig mal laut und deutlich hörbar sein.
Denn dann bekommt auch das Gegenüber die Chance, selbst kurz durchzuatmen.
Und ja, das ist nicht die Lösung.
Und es soll es auch gar nicht sein.
Es geht darum, dir in diesem Moment im wahrsten Sinne des Wortes Luft zu verschaffen.
Nicht dem Kind.
Nicht der Mutter.
Dir.
Vom Matchbox-Auto zum ICE
Ich muss dabei immer an die Einweisung im Flugzeug denken:
Erst sich selbst die Atemmaske aufsetzen, damit man Luft bekommt – und sich erst dann um die anderen kümmern.
Bewusstes Atmen verschafft dem Blut und damit dem Gehirn Sauerstoff. Und den brauchen wir zum Denken.
Eine weitere Nebenwirkung:
Wir spüren uns wieder im Körper.
Wenn uns ein Matchbox-Auto an den Kopf fliegt, schießt die Energie nach oben – zu den Sinnesorganen, zur Orientierung, zur Gefahrensuche.
Atmen wir bewusst nach unten, kann nicht alles nach oben schießen.
Reaktivität oder neue Möglichkeiten
Denn wenn wir erschrecken, halten wir die Luft an.
Energie staut sich.
Und war die Energie vorher schon dicht, potenziert sie sich.
Reagieren wir spontan, ist es, als würde man ein Streichholz am anderen entzünden.
Atmen wir bewusst, bekommt das Feuer kein neues Futter.
Vielleicht erlischt es sogar.
Dann ist zumindest für einen Moment etwas anderes möglich.
Wenn ein Klient wie ein ICE in die Praxis rauscht
Ich möchte diese Situation noch auf eine andere übertragen, die du vielleicht kennst:
Wenn ein Klient wie ein ICE in die Praxis rauscht.
Ein Satz aus einer alten Supervision begleitet mich bis heute:
„Stoppe niemals einen fahrenden ICE.“
Stattdessen: zur Seite treten.
Vorbeifahren lassen.
Co-Regulation durch eigene Ruhe
Das Nervensystem läuft auf Hochtouren.
Es braucht Luft.
Und je weniger Luft dein Gegenüber hat, desto mehr brauchst du.
Bleibst du ruhig atmend, signalisiert dein Nervensystem Sicherheit.
Und das bekommt das Nervensystem deines Gegenübers mit – meist unbewusst, aber wirksam.
Der ICE wird langsamer.
Vielleicht hilft dir auch das Bild von Pferden:
Eine Herde rennt – und wenn eines stehen bleibt, beruhigen sich die anderen.
Wenn dir also das nächste Mal ein Klient oder eine Klientin droht, dir den Atem zu rauben, erinnere dich daran:
Atme.
Langsam.
Bewusst.
Mehrmals.
Damit euren Nervensystemen nicht die Pferde durchgehen –
und ihr nicht aus alten Mustern heraus agieren müsst.