„Ich glaube, ich schmeiß den Job hin.“

Warum sich Fachpersonen manchmal überfordert fühlen – und was hinter einer einzigen Stunde Therapie wirklich steckt

Ich nutze für meine Videos und auch für meine Podcasts immer gerne so Begebenheiten, die mir selber gerade irgendwo passiert sind.

Und ich hatte gerade eine Klientin in der Supervision und die war wirklich so frustriert und hatte so irgendwie keinen Bock mehr, dass sie echt gesagt hat:
„Ich glaube, ich schmeiß den Job hin. Ich habe keine Lust mehr, das so weiterzumachen.“

Und das hat mich so zutiefst berührt, weil das ist jemand, die wirklich von Herzen ihren Job tut. Die auch richtig gut ist in dem, was sie tut. Die wirklich Wirkung hat. Und wo es ein Riesenverlust wäre, wenn sie echt die Flinte ins Korn werfen würde.

Dann haben wir beide uns in der Supervision unter anderem mal angeguckt – also nicht nur, wie sie damit umgehen kann in Zukunft –, sondern auch: Was war denn da? Was ist denn da passiert? Was ist denn das, wo sie wirklich so gemerkt hat: Ich habe keine Lust mehr?

Und das, wo wir da so gelandet sind – sie ist Logopädin – war wirklich die Erkenntnis, mit was für einer Komplexität sie es heutzutage in ihrem Job zu tun hat.

Die Komplexität im Raum

Also das ist nicht einfach mehr nur dieses:
Ich arbeite da mit einem Kind und wir zwei gucken uns gemeinsam an, welches logopädische Thema da auch irgendwo gerade am Start ist.

Sondern da hängt so viel hinten dran.

Und diese ganze Komplexität, dieser ganze Druck, dieses Ganze im Raum sitzt halt da mit.

Da sind irgendwelche Bezugspersonen mit dabei, die das Ganze noch mitsteuern.
Da sind irgendwelche Ansprüche von irgendwelchen Lehrern, von was weiß ich nicht was irgendwo.
Da sind Ansprüche von dem überweisenden Arzt.

Aber vor allen Dingen auch dieser Druck zwischen Eltern und Kindern.
Dieses Ganze, was die Eltern da auch alles mit reinbringen.

Und für sie war es so zutiefst entlastend, als wir mal angefangen haben, dass diese ganze Komplexität mal gesehen werden kann.

Dass es weit über diesen Moment hinausgeht, der da in dem Gespräch mit dem Kind passiert ist.

Wir sehen oft nur eine Stunde

Und das ist etwas, wozu ich dich auch so einladen möchte:

Wirklich auch mal dir selber gegenüber zu erlauben und anzuerkennen:
Wir, die wir mit Menschen arbeiten, wir sehen ja wirklich oft nur wie so eine Stunde.

Wir sehen ja nur einen Ausschnitt aus einem riesig großen, komplexen, vielschichtigen Leben.

Und teilweise sehen wir diese eine Stunde ja sogar auch nur einmal die Woche.
Oder wenigstens dann schon mal einmal die Woche, dass wir so eine gewisse Kontinuität haben.

Und wenn es dann nicht großartige Fortschritte gibt, wenn es nicht schnell geht, dann ist es fast eine Kunst, nicht in die Selbstbeschämung zu gehen.

Nicht in den Selbstzweifel zu gehen.

„Ich bin nicht gut genug.“
„Ich kann das nicht.“
„Ich müsste.“
„Ich sollte.“
„Die Ergebnisse stimmen nicht.“

Sich teilweise dann auch rechtfertigen zu müssen, weil man wieder die nächste Verschreibung braucht.

Und dann kommt vielleicht die Frage:
„Wie kann denn das sein? Das waren doch jetzt schon – keine Ahnung – 10, 20, 30, 40, 50 Stunden.“

Und sich hier wirklich auch selber bewusst zu sein:
Wir sehen dann nur so einen kleinen Anteil Leben.

Eine Landkarte für das, was im Raum passiert

Und das, was so mein persönliches Herzblutthema eben auch mit meiner Trauma-Schule ist, ist uns Menschen – also Menschen, die mit Menschen arbeiten – hier eine Landkarte wie drunter zu schieben.

Wirklich viel schneller zu erkennen, mit was für einer Komplexität sie es gerade zu tun haben.

Hier wirklich mehr zu erkennen, dass das, was da gerade zwischen – auch bei dieser Logopädin – zwischen der Mutter und dem Kind und ihr als Logopädin passiert, was in diesem Dreieck alles für Kräfte wirken.

Was da gerade aus dem Schutz der Bindungsbeziehung heraus passiert.
Aus dem Scham- und Schuldmuster der Mutter heraus.
Aus den eigenen Mustern.
Aus den eigenen Scham- und Schuldmustern.
Aus den kindlichen Scham- und Schuldmustern.

Was da gerade alles für Dynamiken gleichzeitig im Raum sind.

Und wenn wir das mehr verstehen, wenn wir dazu mehr einen Zugang haben, wenn wir da mehr eine sichere, tragfähige Landkarte haben, dann können wir auch viel schneller merken:

„Ah, okay, Moment. Das hat gerade nichts mit mir zu tun.
Da sehe ich gerade eine Interaktion zwischen Mutter und Kind.“

Handlungsfähigkeit im Kontakt

Und dann auch Handwerkszeug zu haben:

Dass ich das adressieren kann.
Dass ich dazu etwas sagen kann.
Dass ich da auch irgendwo eine Grenze ziehen kann.

Also auch eine Grenze, um mich zu schützen.

Aber auch wirklich, um bestimmte Erwartungshaltungen vielleicht mal ein bisschen ausbremsen zu können.

Auch zu wissen:

Wo und wie kann ich Eltern mit ins Boot holen?
Wo muss ich sie mit ins Boot holen?

Und wenn ich das versuche – welche Reaktionen der Eltern sagen mir dann wiederum bestimmte Dinge?

Eine Szene aus der Sitzung

Für sie war zum Beispiel eine Situation aus der Sitzung sehr erhellend.

Sie hat in einer Intervention an das Kind ein Matchbox-Auto an den Kopf geschmissen bekommen.

Das Kind fand das blöd und wollte das nicht und war einfach so im Sinne von:

„Du hast mir gar nichts zu sagen.
Du nervst.
Lass mich in Ruhe.“

Und zack – hatte sie volle Kanone, schmerzhaft ein Matchbox-Auto am Kopf.

Und die Mutter saß daneben, guckte ihr Kind an und sagte nur:

„Das macht die Mama jetzt ganz traurig.“

Du merkst wahrscheinlich alleine schon an dieser kleinen Sequenz, wie randvoll an Dynamiken von einer Sekunde zur anderen der gesamte Raum war.

Was hier alles gleichzeitig irgendwo von jetzt auf gleich gemeinsam im Raum war.

Dynamiken auseinanderdröseln

Und genau das haben wir in der Supervision gemacht.

Wir haben angefangen, die einzelnen Bestandteile mehr und mehr auseinanderzudröseln.

Und als wir da mehr und mehr eingestiegen sind, konnte ich bei ihr auch sehen, wie sie mehr und mehr wieder entspannen konnte.

Wie sie mehr und mehr aus diesem eigenen Hochgefahrenen herauskam.

Aus diesem Gefühl von:

„Das ging zu schnell.“
„Da war zu viel.“
„Ich hatte nicht genug Zeit.“

Und wie sie aus diesem ganzen inneren Stress langsam wieder aussteigen konnte.

Mein Herzblut: die Trauma-Schule

Und das ist das, was so mein persönliches Herzblut ist.

Eben das mit der Trauma-Schule zu machen:

Dass Menschen, die mit Menschen arbeiten, diesen Unterbau bekommen.

Diese Landkarte bekommen.

Diese Idee dafür bekommen:

„Hier geht es weiter.“
„Ah, hier sind wir.“
„Hier rum geht es.“

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