Was hat ein Welpe mit Co-Regulation zu tun?
Mehr als man vielleicht auf den ersten Blick denken würde. In den letzten Wochen habe ich mit meinem sechs Monate alten Australian Shepherd Finn wieder einmal sehr unmittelbar beobachten können, wie Nervensysteme lernen, zur Ruhe zu kommen – und welche Rolle ein zweites Nervensystem dabei spielt.
Genau darüber möchte ich in diesem Artikel sprechen.
Ein junger Australian Shepherd im Camper
Nach acht Jahren Hundepause bin ich – im wahrsten Sinne des Wortes – wieder auf den Hund gekommen. Mittlerweile lebt mit mir in meinem Camper ein sechs Monate alter Australian Shepherd-Rüde namens Finn.
Wer diese Rasse kennt, weiß: Hütehunde müssen eine Sache besonders lernen – Ruhe.
Denn hochfahren können sie von Natur aus. Von null auf hundert gehen, sofort reagieren, ständig in Bewegung sein – dafür sind sie gezüchtet worden. Runterfahren hingegen gehört nicht automatisch zu ihrer genetischen Grundausstattung.
Deshalb gibt es unter Australian-Shepherd-Besitzer:innen einen scherzhaften Satz:
Eigentlich sollte ein Australian Shepherd direkt zusammen mit einer Box ausgeliefert werden.
Und tatsächlich war meine erste Anschaffung, noch bevor ich Finn von der Züchterin abgeholt habe, genau so eine Box. Man kann sie sich wie einen kleinen Käfig vorstellen. Sie steht hinten auf meinem Bett im Camper – und auch jetzt gerade, während ich diesen Text schreibe, liegt Finn dort und macht Pause.
Denn genau das muss er lernen:
sein Nervensystem herunterzufahren.
Selbstregulation ist keine angeborene Fähigkeit
Ein wichtiger Punkt wird dabei oft übersehen:
Wir kommen nicht mit der Fähigkeit zur Selbstregulation auf die Welt.
Das Nervensystem kann diese Fähigkeit grundsätzlich entwickeln – sie gehört zur „Serienausstattung“. Aber damit sie sich tatsächlich entfalten kann, braucht es zunächst etwas anderes: ein zweites Nervensystem.
Ein ruhiges Nervensystem.
Dieses zweite Nervensystem hilft dem unreifen Nervensystem, den Weg in den Parasympathikus zu finden – also in das Bremspedal unseres Nervensystems. Erst dadurch kann sich ein Nervensystem wirklich beruhigen und lernen, in der Ruhe zu bleiben.
Das gilt für Welpen genauso wie für menschliche Kinder.
Warum Finn die Box am Anfang ziemlich blöd fand
Als ich mit Finn angefangen habe, die Box zu üben, fand er das – wenig überraschend – ziemlich blöd.
In seinen Augen war er gerade voller Energie, voller Entdeckungslust, voller Spielfreude. Und plötzlich kommt da jemand und sagt: Pause.
Natürlich protestiert ein Nervensystem in so einem Moment.
Er hat gejammert, gehechelt, ist in der Box hin- und hergelaufen und fand die ganze Situation ziemlich unerquicklich. Und damit auch mich.
Das ist übrigens nichts Ungewöhnliches. Ein Nervensystem, das gerade stark aktiviert ist, empfindet Ruhe oft zunächst als unangenehm oder sogar bedrohlich.
Früher hätte ich mich selbst infrage gestellt
Bei meinem ersten Australian Shepherd hatte ich dieses Wissen über Nervensysteme noch nicht.
Damals dachte ich:
„Ich kann doch meinen Welpen nicht in einen Käfig sperren.“
Bis ich durch eine sehr kompetente Begleitung gelernt habe, was hier eigentlich passiert. Dass es nicht darum geht, einen Hund einzusperren – sondern darum, einem unreifen Nervensystem zu helfen, überhaupt erst den Weg in die Ruhe zu finden.
Nervensysteme brauchen Zeit
Ein Nervensystem braucht Zeit für:
- Übergänge
- Veränderungen
- Reize
- Impulse
Je unreifer ein Nervensystem ist, desto länger braucht es, um diese Reize zu verstoffwechseln. Und desto wichtiger ist es, die Menge der Reize zu reduzieren und ausreichend Zeit zur Verarbeitung zu geben.
Das ist die Grundlage für spätere Resilienz.
Genau das übe ich im Moment mit Finn: dass er lernt, irgendwann einmal wie ein entspannter „Daddy-Cool-Hund“ irgendwo zu liegen und die Welt einfach zu beobachten, statt auf jeden Reiz sofort zu reagieren.
Dauerhafte Aktivierung macht reizbar
Das Schwierige daran ist: Aktivierung fühlt sich zunächst gut an.
Das kennt jeder, der schon einmal einen Espresso getrunken hat. Plötzlich wirkt alles interessanter, lebendiger, aufregender.
Für ein junges Nervensystem – und besonders für das eines Hütehundes – ist dieser Zustand natürlich extrem attraktiv: ständig neue Reize, ständig Bewegung, ständig oben.
Nur kann ein Nervensystem nicht dauerhaft im Gaspedal bleiben.
Je länger ein System im sympathikusdominierten Bereich bleibt, desto reizbarer, dünnhäutiger und empfindlicher wird es. Genau daher kommt übrigens auch das Wort reizbar.
Deshalb ist es so wichtig, regelmäßig herunterzufahren, Reize zu reduzieren und dem Nervensystem Zeit zu geben, sich zu regulieren.
Neben meinem Welpen sitzen
Am Anfang saß ich oft einfach neben Finn, während er in seiner Box lag.
Ich hatte ein Buch dabei, manchmal Arbeit, manchmal einfach nur eine Tasse Kaffee. Der Text für diesen Podcast ist tatsächlich auch in einer dieser Situationen entstanden.
Und ich konnte beobachten, wie sein Nervensystem arbeitet.
Er hat protestiert, gejammert, sich aufgeregt. Aber ich konnte gleichzeitig sehen, wie sich im Nervensystem Wellenbewegungen abspielen.
Die Wellen im Nervensystem
Irgendwann kommt immer ein Moment, in dem das Nervensystem kurz innehält.
Ein kleiner Moment von:
„Ich finde das immer noch blöd.“
Und dann entsteht eine Weggabelung.
Entweder das Nervensystem fährt noch einmal hoch – oder es beginnt, den Weg nach unten zu finden.
Diese Weggabelungen können mehrfach passieren.
Und genau hier ist Co-Regulation entscheidend.
Der Unterschied zwischen Kollaps und Regulation
Wenn ich Finn einfach alleine in der Box gelassen hätte und gegangen wäre, hätte sein Nervensystem irgendwann ebenfalls aufgehört zu protestieren.
Aber nicht aus Regulation heraus – sondern aus Kollaps.
Ein unreifes Nervensystem kann seine Aktivierung irgendwann nicht mehr halten. Dann bricht es zusammen.
Wenn jedoch ein ruhiges Nervensystem daneben ist, kann das aktivierte Nervensystem den Weg in echte Regulation finden.
Ein ruhiges Nervensystem wirkt in solchen Momenten wie ein Leuchtturm.
Erst das eigene Nervensystem regulieren
Natürlich gab es auch Situationen, in denen Finn völlig überdreht war. Und plötzlich war mein eigenes Nervensystem ebenfalls oben.
In solchen Momenten wurde mir wieder einmal bewusst, wie wichtig ein Grundsatz ist, den viele aus dem Flugzeug kennen:
Erst sich selbst helfen – dann den anderen.
Also:
atmen,
kurze somatische Übungen,
mein Nervensystem regulieren.
Und erst dann wieder in Kontakt gehen.
Was das mit Menschen zu tun hat
Genau dieselben Prozesse beobachten wir auch bei Menschen.
Wenn wir Kinder begleiten.
Wenn wir mit Klient:innen arbeiten.
Oder wenn Menschen in intensiven emotionalen Prozessen sind.
Ein gestresstes Nervensystem sehnt sich zwar nach Ruhe – aber gleichzeitig fühlt sich diese Ruhe oft zunächst bedrohlich an.
Deshalb braucht es manchmal einfach Zeit, Wellenbewegungen und ein ruhiges Gegenüber, bis ein Nervensystem den Weg nach unten findet.
Und genau deshalb ist Co-Regulation eine der wichtigsten Fähigkeiten, wenn wir mit Menschen arbeiten.