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Veränderung ist doch möglich

Jun 9, 2017 | Gehirngerecht leben, NARM

Teil der Ausbildung zum NARM-Practitioner sind neben Supervisionen auch Einzelsitzungen bei anerkannten NARM-Assistenten (also z. B. bei mir). Als Teil des NARM-Lehrteams habe ich in den Trainings, die ich als Assistentin begleiten, die Chance, einige der Teilnehmer sehr intensiv zu begleiten. Hier zu erleben, was in einer einzelnen Sitzung an Veränderung möglich ist, wenn jemand kontinuierlich an seinen blinden Flecken arbeitet, ist berührend. Dann einige Monate später zu sehen, wie tragfähig und nachhaltig diese Veränderung geworden ist, macht einfach Mut – und Lust auf mehr.

Ein Beispiel, das mich besonders berührt hat: Ich habe mit einem der Teilnehmer an seiner Angst, Fragen in der großen Runde stellen, gearbeitet. Wir haben gemeinsam erkundet, was es ist das ihn daran hindert, die Hand und seine Stimme zu heben. Denn er hatte Fragen und wollte mehr wissen, wollte NARM besser und in der Tiefe verstehen. Dieser Wunsch war spürbar. Ebenso seine Not, all seine Fragen nicht stellen zu können. Jedesmal wenn  er es bisher versucht hatte, verwirbelte in seinem Gehirn die Frage. Und bis er sie wieder zusammengesetzt hatte, war die Chance Fragen zu stellen vorbei. Ich mach es kurz: am Nachmittag löcherte er Laurence Heller mit Fragen und grinste dabei über das ganze Gesicht. Und ich gleich mit. Das beste war jedoch: im letzten Block lud Laurence einen Teilnehmer ein vor der gesamten Gruppe (!) einem anderen Teilnehmer eine Sitzung zu geben und sich bei Bedarf Rat bei Laurence zu holen. Und jetzt raten Sie mal, wer sich dafür gemeldet hat?

Nicht alle Veränderungen bei den Teilnehmern des 2-jährigen Trainings waren so offensichtlich. Viele waren eher still und an einer veränderten Körperhaltung, mehr Kontakt (vor allem mit den Augen), mehr Humor und Leichtigkeit und weicheren Gesichtszügen erkennbar.

Was macht diese tiefen, nachhaltigen Veränderungen möglich?

NARM arbeitet zu keiner Zeit zielorientiert, d. h. ich habe mit dem Kursteilnehmer nicht darauf hin gearbeitet oder geübt, dass er die Hand hebt und seine Frage stellt. Der Fokus lag allein auf dem, was in seinen Gedanken und in seinem Körper passierte, als er mir sein Dilemma schilderte. Gemeinsam haben wir dann all das, was da auftauchte in aller Ruhe und in der Sicherheit unserer Einzelarbeit erkundet. Und erkunden bedeutet: neugierig und wertfrei beobachten, wahrnehmen und benennen (= aussprechen) was im Körper und im Kopf so alles passiert. Um dann zu beobachten wie es sich dadurch verändert und so von Moment zu Moment weiterhin neugierig und wertfrei zu beobachten.

Warum ist es so wichtig, kein Ziel zu haben?

Ein Ziel schränkt den Blick ein. Das Ziel wird zur Messlatte, die es zu erreichen gilt und all die auftauchenden unangenehmen Gedanken und Empfindungen sind dabei hinderlich und sollen weg. Schnellstmöglich. Man wird hart gegen sich selbst und der innere Kritiker bekommt mehr und mehr Oberwasser. Übersehen, überhört und ignoriert wird dabei die Ursache und der gute Grund für das so störende, behindernde und scheinbar unverständliche Verhalten. Ohne Ziel kann nichts stören oder behindern und der Blick wird frei für das, was wir in dem Moment mit uns machen, wie wir uns selbst in die Quere kommen.

Am Beispiel des Teilnehmers verdeutlicht: Er hatte bereits zig-mal beobachtet, dass Fragen willkommen sind, dass alle das Stellen ihrer Frage überlebt haben und niemand mit Schimpf und Schande aus dem Seminar gejagt wurde. Also konnte es nicht um das Stellen einer Frage gehen und daher macht es auch keinen Sinn, dass zum Ziel zu machen und zu üben.  Was die Ursache ist, findet man also nur heraus, wenn man ohne Ziel arbeitet. Das nimmt sofort Druck weg und ermöglicht es, mit Mitgefühl zu schauen.

Die Bedeutung des Gegenübers

Zu irgendeinem Zeitpunkt in seinem Leben hat der Teilnehmer irgendwie gelernt, dass es nicht gut/sicher/richtig ist, Fragen zu stellen. Und das hat er aufgrund der Reaktion seines damaligen Gegenübers gelernt. Was genau passiert ist, muss ich als heutiges Gegenüber nicht wissen. Als heutiges Gegenüber schaffe ich den sicheren Raum, in dem das alte Erleben neu gestaltet werden kann. Will heißen:

Nehmen wir an, das Gegenüber von Damals hat geschimpft, den Buben bloß gestellt oder sogar körperlich gestraft. Und das vielleicht nicht nur einmal, sondern wiederholt. Das prägt. Und macht zu recht vorsichtig.

Heute hat mein Klient mit mir nun die Chance, laut eine Frage zu stellen und bewusst zu beobachten, was in ihm passiert wenn das Gegenüber sich nicht wie damals verhält. Kann bewusst das Gegenüber beobachten und sich an und mit ihm ausprobieren. Etwas völlig Neues kann entstehen – und das ist der Moment wo Veränderung stattfindet.

Was macht Veränderung nachhaltig und tragfähig?

Eine Schwalbe macht noch keinen Frühling und so „löscht“ ein positives Erlebnis nicht automatisch all die negativen Erlebnisse, die in der Summe der Ursprung des alten Musters waren und in Teilen noch sind.

Und doch: selbst ein positives Erlebnis wirkt wie ein Riss in der alten Kruste. Wie lang und wie tief dieser erste Riss ist, hängt von der Kruste ab. Aber Fakt ist, der Riss ist da und er bleibt. Jedes weitere positive Erlebnis vertieft und verbreitert den Riss. Jedes negative Erlebnis macht etwas mit der Kruste, aber der Riss bleibt. Die gute Nachricht: es kann sogar sein, dass ein neues negatives Erlebnis den Riss vergrößert. Denn jetzt weiß das System Mensch, dass es auch anders geht und fügt sich nicht mehr so ohne weiteres, sondern wehrt sich und setzt neue Grenzen. Und schon wird aus dem einen positiven Erlebnis im Sessionraum, im Alltag gelebte Veränderung.

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