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Vom Objekt zum Subjekt

Mrz 23, 2017 | Gehirngerecht leben, Kontakt

Lernt man neue Menschen kennen, folgt zumeist direkt nach dem Nennen des eigenen Namens, je nach Kontext des Treffens, eine weitere Beschreibung zur eigenen Person. Im Job ergänzt man seinen Namen um den Titel oder die Funktion, im Privaten vielleicht um „Mutter von …“, „Partner von …“ oder „Ich wohne da-und-da“. Beim gemeinsamen Sporteln informiert über den eigenen Leistungsstand und im Wartezimmer beim Arzt liegt die Krankheitsgeschichte nahe. All das gibt dem Gesprächspartner Orientierung mit wem er oder sie es da gerade zu tun hat. Und das ist gut und schlecht zugleich.

Schublade auf, Schublade zu

Sehen wir eine Person und hören die Beschreibung machen wir uns in Bruchteilen von Sekunden ein Bild dieser Person. Unser internes Raster hat, basierend auf unseren Erfahrungen, Werten, Glaubenssätzen & Co., das Gegenüber bereits einsortiert bevor er oder sie überhaupt richtig den Mund aufgemacht hat. Das gute daran: durch dieses Einsortieren schützen wir uns, denn unser Raster entscheidet über gut oder schlecht, Gefahr oder sicher, interessant oder vergeudete Lebenszeit. Was wir dabei nur nicht so richtig mitbekommen: wir machen das Gegenüber damit zum Objekt, reduzieren ihn oder sie auf das Gehörte und versperren uns den Blick auf das Subjekt. Will heißen: indem wir meinen zu wissen, wen wir da gegenüber haben, verlieren wir die Neugier auf den Menschen in seiner Vielfalt und Einmaligkeit.

Ich habe z. B. die Erfahrung gemacht, dass wenn ich mich im beruflichen Kontext als „Coach“ vorstelle, mein Gegenüber nur schwerlich ein Gähnen unterdrücken kann. Noch so eine … Seitdem ich mich aber als „Somatic Coach“ vorstelle, habe ich den kleinen Vorsprung der Verunsicherung („Somatic?) und der entscheidet, ob ich dann doch in der völlig überfüllten Coach-Schublade lande oder sich aus der Nachfrage ein zumeist interessantes Gespräch entwickelt.

Kennen Sie Ihr Raster?

Menschen einzusortieren ist wie schon gesagt, an sich weder gut noch schlecht. Denn alles in allem ist diese Fähigkeit hilfreich, Energie schonend und schafft Orientierung. Die Krux an der Sache ist, dass viele nicht mitbekommen, das und nach welchen Kriterien sie ihr Gegenüber gerade einsortiert haben. Da ist jemand unsympathisch und man geht auf Abstand. Aber warum? Keine Ahnung. Unsympathisch ist unangenehm genug, da muss ja nicht länger hingucken. Zieht einen jemand wie magisch an, überlagert die Neugier auf den anderen die Neugier auf die eigene Wahrnehmung. Dabei ist genau dieses „Was genau?“ so spannend.

Welche Schubladen habe ich? Und warum und wofür?

Niemand wird mit Schubladen geboren. Die entstehen erst mit der Zeit. Viele unserer Schubladen übernehmen wir einfach von unserer Umgebung ohne sie großartig zu hinterfragen. Andere basieren auf eigenen Erfahrungen und Erlebnissen. Auch hier wieder: Fluch und Segen. Segen, denn durch die Übernahme dieser Schubladen passen wir uns unserer Umgebung an, gehören dazu, sind sicher. Fluch, denn diese Schubladen machen uns eng und sind eng. Nehmen wir das wahr und wollen ausbrechen, haben wir ein Problem. Denn genau hier liegt der Hase im Pfeffer: indem wir die alten Schubladen in Frage stellen, verlieren wir unsere innere Sicherheit und unsere Orientierung. Zumindest fühlt es sich so an. Und da der Mensch das Gefühl der Unsicherheit nur schwer aushalten kann, landen neue Gegenüber auch weiterhin in alten Schubladen. Ein sich selbst befeuernder Teufelskreis, den man durch einen kleinen Gedankentrick einfach und effektiv durchbrechen kann:

Ich habe keine Schubladen

Ich arbeite sehr gerne mit Hypothesen und zu so einer lade ich Sie jetzt ein. Stellen Sie sich vor, Ihr inneres Raster und Ihre Schubladen wären nicht Ihre. Sie wären von Ihren Eltern, Ihren Lehrern, von Freunden, Bekannten und der Gesellschaft übernommene fremde Schubladen. Sie haben also keine eigenen.

Was sehe ich dann im Außen und was macht es dann mit mir im Innen? In welche Schublade würde ich mein Gegenüber am liebsten ganz schnell stecken und warum und was verändert sich, wenn ich das jetzt mal nicht tue? Weil da keine Schubladen sind? Wie erlebe ich mein Gegenüber dann, wie erlebe ich mich?

Neugierig auf das Subjekt hinter dem Objekt

Klingt einfach und logisch, ist es aber leider nicht. Denn wir leben und arbeiten in einer Welt, wo Menschen auf Objekte und Rollen reduziert werden. Die Frage, was das für ein Mensch ist, was ihn oder sie besonders und einmalig macht, dafür ist keine Zeit. Und selbst wenn die Zeit da wäre, haben nur sehr wenige die Kapazität für die Antwort.

Hinzu kommt, die Neugier auf den Menschen hinter der Rolle setzt die Frage voraus: wer bin ich selbst hinter all meinen Rollen? Was macht mich aus, macht mich einmalig? Und was davon traue ich mich zu zeigen? Was davon will ich, dass mein Gegenüber sieht? Schwierige Fragen, die nicht auf die Schnelle zu beantworten sind. Da ist der Sprung in die eigene Schublade deutlich einfacher und so reduzieren wir uns selber auf eine Rolle und machen uns damit immer und immer wieder selber zum Objekt. Und wundern uns dann, wenn wir nicht als vollständiger Mensch wahrgenommen werden.

Genau hier hat jeder von uns die Wahl. In jedem Moment.

Mache ich mich und mein Gegenüber zum Objekt und reduziere mich und ihn oder sie auf eine Rolle? Oder bleibe ich trotz des üblichen ersten „Mein Haus, mein Auto, mein Hobby…“ innerlich bei der Frage „Wer ist der Mensch hinter all dem?“

Sich so zu begegnen braucht Mut, keine Frage. Aber dem Mutigen gehört ja bekanntlich die Welt. Seine Welt.

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2 Kommentare

  1. Nicolai

    Hallo.

    Ich bin auf diesen Blogeintrag gestoßen, weil ich auf der Suche nach einer Antwort bin. Wenn ich nun jemanden anhand seines oder ihres Aussehen bewerte, dann mache ich diese Person ja zum Objekt. Wenn ich dieser Person bspw. sage: „Du bist die schönste auf der Welt.“ dann mach ich diese Person auch zum Objekt. Welche Folgen hat das? Sieht sich die Person anhand dieser Aussage auch als Objekt und reduziert sich auf das Äußerliche?
    Genauer gesagt geht es um folgende Situation: Die Mutter sagt ihrer Tochter immer wieder das sie die Schönste ist und die Tochter ist mittlerweile so weit, dass sie vor dem Spiegel steht und sich hässlich findet. Ich habe für mich eins und eins zusammengezählt und bin auf den Schluss gekommen, dass durch die ständige Bewertung des Aussehens die Tochter diese Oberflächlichkeit übernommen hat und sich nun mit dem Aussehen, der, von der Gesellschaft oder den Medien deklarierten, schönste Frauen, vergleicht. Zusammengefasst: Dadurch, dass die Tochter zum Objekt gemacht wird macht sie sich selbst wieder zum Objekt.
    Habe ich diese Situation richtig verstanden.

    Danke für die Hilfe.

    Liebste Grüße,

    Toto

    Ps: Meine Intention ist es zu einem Kulturwandel beizutragen und so nehme ich gewisse Situationen unter die Lupe, die mir in meinem Umfeld und generell auffallen.

    Antworten
  2. Karin Intveen

    Hallo Toto,

    wenn eine Mutter ihrer Tochter sagt, sie sei hübsch/schön, macht sie sie damit nicht automatisch zum Objekt. Hier spielt die Intention der Mutter eine zentrale Rolle. Sieht sie die Tochter (als Mensch), sagt es ihr von Herzen kommend und meint es ohne versteckte Absicht ernst, ist es gut für beide. Definiert sich aber die Mutter über die Schönheit der Tochter, sieht die Sache anders aus. Dann meint sie nicht ihre Tochter, sondern eigentlich sich. Diese Unehrlichkeit spürt die Tochter – und findet sich hässlich.

    Wird es so noch klarer?

    Antworten

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